In dieser Rubrik nimmt Uta Nitschke den Kunstbetrieb mit spitzer Feder und einem Augenzwinkern aufs Korn. Durch die Erschaffung dreier fiktiver „Superstars“ beleuchtet sie die kuriosen Blüten, die Hype, Interpretation und Selbstdarstellung in der modernen Kunstwelt treiben können. Es ist eine Einladung, die Mechanismen der Branche – von der absurden Fachsprache bis hin zur exzentrischen Inszenierung – spielerisch zu hinterfragen.
Hugo Egon Kemp wuchs als Kind amerikanischer Einwanderer in Aschaffenburg auf. Schon früh zeigte sich sein künstlerisches Talent, als er auf dem Wochenmarkt am Obst- und Gemüsestand seines Vaters Kevin-Heinz Äpfel, Birnen und Tomaten zu ungewöhnlichen Gebilden arrangierte. Seine Mutter Mandy-Anneliese förderte das körperliche Geschick ihres Sohnes und sorgte dafür, dass er seit seinem zweiten Lebensjahr fünf Mal die Woche den Turnverein besuchte.
Hier kristallisierte sich Kemps Vorliebe für Hula-Hoop-Reifen heraus. Diese sind zentraler Teil seiner künstlerischen Arbeit und bilden einen Kontrast zu den von ihm mit aller Brutalität in Szene gesetzten weggesprengten Ecken. Für ein Kunststudium fehlte Hugo Egon Kemp die Zeit. Sein ruhmreicher Weg in der Kunstszene war vorgezeichnet.
Früh erhielt er Ausstellungsanfragen aus aller Welt.
Zu sehen ist der Künstler nur selten. Er lässt seine knallharte Bildsprache auf die Betrachter wirken. Sein wohl bekanntestes Werk dürfte „Orbit Adipös“ sein. Es befindet sich in Privatbesitz eines mongolischen Kunstmäzens.
Hugo Egon Kemp - "Orbit Adipös"
Öl auf Leinwand bzw. Fett auf Moped
Der Newcomer aus Aschaffenburg Hugo Egon Kemp hat mit seinem neuesten Werk einen Hype in der vor kurzem eingeläuteten Schiggitrende ausgelöst.
Hier reichen Neoplasmen nicht mehr aus.
Die Massenüberflutung wird angestrebt, was im Werke Kemps durch die voluminöse Stapelung der Ringe deutlich zum Ausdruck kommt.
Die Ringakkumulation fungiert als Symbol für Zwang, ständig Dinge um sich haben zu müssen. Das Kaschieren des fettleibigen Wohlstandsbauches ist ein gekonnt in Szene gesetzter Nebeneffekt. Außerdem verspricht der Ring-Raum zusätzliche mentale Erlebniswelten, die im Inneren der Ringe zirkulieren. Je nach Dichte der Stapelung, ist das mentale
Sein intensiv oder durchlässig.
Der Fahrer des Mopeds wurde von Kemp brilliant im Wahrneh-
mungsdschungel inszeniert. Nachdem der erste Blick des
Betrachters unweigerlich auf das Ring-Ding fällt, wandert er
zu biomorph geformten Schultern des Mopedfahrers, der - wie man scheinbar nebenbei bemerkt - Jeansjacke, -kappe und
modernste Sandalenschlappen trägt. Diese Details offenbaren eine befremdliche Verlorenheit.
Die lesende Frau am Straßenrand steht in irritierendem Gegensatz zur Dynamik der industrialisiert wirkenden Welt im Hintergrund. Gummireifen und Sonnenbrillen können jedoch nicht von der mitfahrenden Zeitung ablenken. Sie ist scheinbar unwichtig platziert und konstituiert doch das Gegenmodell künstlerischer Welten: Den blanken Alltag.
Der Duktus des Künstlers maßt prätentiös an.
Man mag gar nicht hinsehen bei so viel Magie.
Ganz im Zeichen des Self-design hebt hier der menschlich humane Skulpturenpark den Zeigefinger.
Achtung! Haben wir es mit einem überdimensionalen Piercing zu tun? Oder ist dies eine körpereigene Realitätsdarstellung, die regelrecht zur Passion geworden ist?
Der Schriftzug Vinh Phat im Hintergrund provoziert den Betrachter maßgeblich und weißt auf eine stilsichere Geschmacklosigkeit hin, welche Kemp natürlich - wie er mir selbst versicherte - bewußt einsetzt. Eine gewisse optische Penetranz ist hierbei unumgänglich.
Daß die Rikscha auf der Nebenbahn keinen Fahrer zu haben scheint, soll hier niemanden stören. Weil da isch keiner!
Kemp ist mitunter der Pionier der pulverisiert weggesprengten
Bildecken. Man will es nicht glauben, aber dieser Mensch bringt es tatsächlich fertig, mit der ihm angeborenen Kempschen Lässigkeit eine neue Stilstrategie hervorzurufen. Er steht da mit einem Megafon und startet die Durchsage in marktschreierischem Tonfall: „Neueeeeeee Stiiiiiiilstraaategie.“
Das „r“ wird hierbei gerollt, wie es einst Charlie Chaplin tat.
Die Absicht Kemps ist es nicht, mit seiner Malerei eine neue Diskussionsplattform zu schaffen. Er weißt darauf hin, dass alles widerspruchslos hinzunehmen ist.
Hugo Egon Kemp versuchte durch diese religiöse Ring-Darstellung sein junges Talent früh zur Vollendung zu führen, was die begeisterte Kunstszene mit einem zustimmenden Wackeldackel-Kopfnicken bejaht.
Man darf gespannt sein auf Weiteres oder wie Kemp zu
sagen pflegt:
„Viel Spaß mit`m Bild.“
Richard Schindelbach wuchs mit seinen neun Geschwistern in Cornwall auf. Er war introvertiert und wortkarg.
Dies führte schon früh zu einer intensiven Auseinandersetzung mit Sprache. Durch seine fotorealistischen Ölgemälde mit dadaistischer Note machte er bereits im Kindergarten auf sich aufmerksam. Im Alter von sechs Jahren bekam er ein Stipendium an der Hamburger Volkshochschule, wo er Dreijährigen den kreativen Umgang mit Sprache beibrachte. Seine Bilder stellt der zurückhaltende Künstler nie in Museen aus. Er bevorzugt Räumlichkeiten von Banken, Kneipen, Schulen und Gärtnereien. So komme nach seiner Ansicht die subtile Bildgewalt seiner Arbeiten am besten zur Geltung.
Auch Schindelbach ist ein Vertreter der weggesprengten Ecken und konkurriert mit Kemps Aussage, dieser habe selbige erfunden. Die berühmteste Arbeit des Superstars ist das Ölgemälde „Stereo“. Das Original ging auf einer Überfahrt von Cornwall nach Hamburg über Bord, als das Schiff einen Schwarm Heringe rammte, die gegen den Kunstbetrieb demonstrierten. Seither kursieren zahlreiche Kopien, die bei weitem nicht an das Original heranreichen.
Richard Schindelbach - "Stereo"
Öl auf Leinwand
Nach jahrelanger intensiver Forschungsarbeit gelang
Richard Schindelbach aus Münster der Durchbruch in onomatopoetischer Lautmalerei.
Die Grundgedanken seiner Forschungsarbeit drehten sich um die Aussichtslosigkeit, Worte hörbar zu malen.
Seine bahnbrechende Erkenntnis bestand darin, keine Person menschlicher Gestalt abzubilden, um das vollkommene „Hör“
zu erreichen. Die Irritation, allein fliegende Worte im Äther zu platzieren und doch die Anwesenheit einer Persönlichkeit zu implizieren, verhalf ihm zu einer durchschlagenden neuen Dimension. Das schlichtweg naive Dasein der Mikrophone lässt die konfliktfreie Stimmungsatmosphäre im Raume entstehen.
Ein Hauch von Melancholie schwebt im Element der Wolke, was das rein Ästhetische mit dem Funktionellen verbindet.
Nach einer kompletten Durchsiebung des allumfassenden universalen Vokabulars blieben jene abgebildeten Worte, gleich den Nuggets im Siebe eines Schürfers, als die Verkörperung des einzig Wahren, hängen.
Über mehrere Jahre hinweg untersuchte Schindelbach im Schaffensrausch jene Worte, lotete sprechend die Untiefen der Wortzyklen aus. Es sind vor allem immer wieder die delikat verräterischen Vokale, welche schnell von anfänglicher Verwunderung in Spott umschlagen. Mit empathischem Nachdruck verleiht der Künstler den ausgewählten Worten
ein empirisches Erfahrungsangebot, fernab jeglichen
Zeitgeschmacks. Worte wie „kein“ und „leicht“ werden in diesem Werk zu opulenten Idealgestalten.
Die weggesprengte Ecke – auch Schindelbach ist ein Verfechter des Kempschen Edge-treatments – lässt in ihrer Funktion des Negativraums die Bedeutung der Worte anschwellen.
Die i-Tüpfelchen scheinen auf ihren senkrechten Grundfesten tanzend zu oszillieren. Werden hier Paralleluniversen impliziert? Und dies trotz absoluter Wirklichkeitstreue.
Trotz der häufig vorkommenden „e`s“ stellt sich eine i-Akribie des Künstlers heraus. Die Strenge der Worte wird durch das fröhliche Ansinnen der Mikrophone heiter umgarnt.
-ungen und -ungen sind die Chiffren, welche die Figuration des modernen Menschen attackieren.
Das dicke kleine Mikrophon an vierter Stelle, das seine Kabelschnur zum Nabel des Kuchens der Welt revolutionär und frech über die vordere, nicht sichtbare Seite des Rednerpultes hängt, markiert in seiner schlichten Rundheit den Witz der internationalen Schiggitrende.
Nicht weniger spektakulär sind die neu aufbrandenden Auseinandersetzungen der Künstler Kemp und Schindelbach. Ein jeder will sich als Vater der Schiggitrende verstanden wissen. Kemp verweist auf die bei ihm erstmals vorgefundenen weggesprengten Ecken, während Schindelbach dieses Primat für sich postuliert: Am Anfang war das Wort.
Die Zeit wird zeigen, wer der tollkühne Himmelsstürmer in diesem epochalen Zwischenspiel sein wird.
Birgit Tetenwihl-Zesch gehört neben den Künstlern Kemp und Schindelbach zu den bekanntesten Newcomern der Kunstszene. Die gebürtige Rostockerin wuchs mit ihrem Bruder Ralf in bescheidenen Verhältnissen auf. Ihre Eltern Manfred und Luise betreiben die in Rostock stadtbekannte Kneipe „Tetenwihl“, wo Birgit seit ihrem dritten Lebensjahr kellnerte und Flaschenkorken sammelte, die in ihrem künstlerischen Werk eine maßgebliche Rolle spielen.
Im Alter von 18 Jahren ehelichte sie den spanischen Milliardär Gonzalo Zesch. Dieser verstarb ein Jahr nach der Hochzeit, als er vor der elterlichen Kneipe von einem Getränkelaster überfahren wurde. Um dieser dramatischen Zeit zu entfliehen, kaufte sich Birgit Tetenwihl-Zesch eine Hazienda auf Mallorca. Dort umgibt sie sich mit 1111 Zwergkaninchen, die ihr die nötige Inspiration für ihre außergewöhnlichen Installationen liefern.
Mit ihrem Werk „Richtungsmäßig“ schaffte die lebensfrohe Künstlerin den Durchbruch. Es befindet sich im Besitz des französischen Schrotthändlers Maurice Ferraille. Momentan ist es als Leihgabe in der Kneipe „Tetenwihl“ zu bewundern.
Birgit Tetenwihl-Zesch - "Richtungsmäßig" (Der Weltenpisser)
Installation
Einleitend sei vorauszuschicken, daß wir diese Installationsbeschreibung nicht selbst vornehmen durften.
Die Künstlerin bestand auf einer eigenen Installationsanalyse.
Wir trafen uns zu einem Gespräch in ihrem Geburtsort Rostock.
Redaktion: Sehr geehrte Frau Tetenwihl-Zesch.
Weshalb erscheint es Ihnen so relevant, eine Eigeninterpretation vorzunehmen?
Birgit Tetenwihl-Zesch: Ja nun, so darstellungsmäßig denke ich, daß ich meine Installation am besten beschreiben kann, weil ich sie ja schließlich gemacht habe.
R.: Was wollten Sie mit dieser Installation zum Ausdruck bringen?
B.T.-Z.: Nun ja, so themamäßig beinhaltet diese Arbeit alles, von Norden nach Süden, von Osten nach Westen: Eine trügerische Idylle, Traditionen, Symbol für Unendlichkeit, Orakelsysteme und vieles mehr.
R.: Woran ist das im Einzelnen festzumachen?
B.T.-Z.: Nun ja, die Eichenblätter sind ja vier. Und weil die Oliven auch, die eigentlich Kackbollen von afrikanischen Ziegen sind. Hier haben wir schon mal einen interkontinentalen Aspekt.
Die vier Rabbit-Meat-Keulen, auch wieder vier, stehen natürlich für die Himmelsrichtungen, die in jedem Land gleich sind.
Man kann die Installation drehen und wenden wie man will, deshalb die Kurbel an der Rückseite, es bleiben immer vier.
R.: Sagen Sie doch mal was zum Material.
B.T.-Z.: Nun ja, ich sehe meine Installation als klassische Bildhauerei. Lediglich die Materialien entsprechen der Neuzeit. Wie bereits erwähnt, zu den Kackbollen empfand ich es als
eine gute Symbiose, so verbindungsmäßig, daß die Blätter aus Kunstharz sind. Die Kaninchenschenkel sind aus harmlosem Silikon-sein.
R.: Silikon-sein?
B.T.-Z.: Nun ja, das ist Silikon von meinem Bruder, der ist Silikonfabrikant, also ist es sein Silikon – Silikon-sein!
Die Flasche hab ich leergetrunken, also Flasche-mein.
R.: Und die schwarze Figur auf der Flasche?
B.T.-Z.: ...besteht aus, nun ja, der schwarzen Masse des Alls. Nun ja, so erklärungsmäßig sag ich mal: schwarzes Porzellan. Durch all diese Materialien spreche ich natürlich vor allem die
Synästhesie des Weltbürgers an. Hinter der nüchternen Konstruktion verbirgt sich auch ein soziales Experiment. Ja, weil die Materialassemblagen stehen konzeptuell in krassem Gegen-
satz – Fleisch gegen Natur. Die Ambivalenz des „Hunger-oder-nicht?“ bringt den Betrachter in starke Bedrängnis.
R.: Was symbolisiert das Männle da oben?
B.T.-Z.: Nun ja, das Allmännlein, wie ich es liebevoll genannt habe, betrachtet alles nochmal von einem anderen Standpunkt, aus der Vogelperspektive. Wenn man die Kurbel betätigt und die Installation dreht, aus der Maulwurfperspektive. Er denkt sich: “Wie lächerlich und klein die Welt von dort oben doch ist. Ich pisse auf Euch herab.“ Nun ja, ich dachte so kalauermäßig wäre das noch ganz gut, weil schließlich darf der humoristische Aspekt auch nicht fehlen. Er ist so was wie der kleine architektonische Übervater.
R.: Aha, hat das Etikett der Flasche eine besondere Bedeutung?
B.T.-Z.: Nun ja, das Wort „Trappist“ ist englisch und bedeutet so viel wie „Drapierung“.
„Dubbel“ kommt aus der urbanen Jugendsprache und heißt so viel wie „Schlemmkreide“.
„Westmalle“ kommt aus der ehemaligen DDR.
Damit bezeichneten die Ostbürger den Arbeiter beim Malteser Hilfsdienst, welcher im Westen gearbeitet hat. Der Westmalle. Und als Geste, also so freundschaftsmäßig, hab ich meiner besten Kumpelin Andrea Walter die Buchstaben AW gewidmet.
R.: Welche Bewandnis hat es mit der blauen Fläche?
B.T.-Z.: Nun ja, also das ist der verbindende rote Faden zwischen dem Werk und der allumfassenden Welt. Dies ist mein philosophischer Leitgedanke.
R.: Wie lange kann diese Installation noch betrachtet werden?
B.T.-Z.: Nun ja, bis jemand Hunger hat. Und Durschd.
R.: Wieso, die Flasche ist doch leer?!?
B.T.-Z.: Nun ja, so verarschungsmäßig.
R.: Wir danken für das Gespräch.